Digitalisierung vor Ort: Estland

Digitalisierung | Zukunftslabore
Katrin Göring-Eckardt steht in Tallinn im e-estonia Showroom, hinter ihr ist eine Wand, auf der die Logos von vielen erfolgreichen estnischen Firmen prangen, zum Beispiel Skype © Katrin Göring-Eckardt im e-estonia Showroom

Reisen bildet, heißt es. Ich wollte gerne sehen, was passiert, wenn eine Regierung eine langfristige Digitalisierungsstrategie mit klaren Zuständigkeiten hat. Und dafür muss ich leider Deutschland verlassen und nach Estland reisen.

Estland hat vollkommen zurecht das Image des digitalen Musterschülers Europa. Die damalige Regierung Estlands hatte schon Mitte der 1990er Jahre auf die Digitalisierung gesetzt, erzählt uns der Chief Information Officer (CIO) der Regierung, Siim Sirkut. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Die papierlose Verwaltung ist hier Realität, nahezu alle Behördengänge lassen sich online erledigen. Die Esten haben eine digitale Krankenakte und statt, dass die jeweiligen Daten einmal bei der Krankenkasse, einmal beim Arzt und einmal in der Apotheke gespeichert sind, werden die Daten einmal dezentral hinterlegt und jeder Este kann genau sehen, wer wann darauf zugreift. Auch beeindruckend: Bis 2020 will Estland flächendeckend Glasfaser (FTTH) verlegt haben. Zur Erinnerung: In Deutschland liegen wir bei unter drei Prozent.

Mein Gesprächspartner beziehungsweise seine Jobbeschreibung sind maßgeblich dafür verantwortlich. In Estland gibt es einen Verantwortlichen für die Digitalisierung, im Range eines Staatssekretärs mit einem eigenen Stab. Er hat nicht nur Budgetverantwortung, er hat vor allem auch bei allen Regierungsvorhaben, die die Digitalisierung betreffen, ein Mitsprache- und Vetorecht. Wer sich das Zuständigkeits-Wirrwarr in der Bundesregierung anschaut, erkennt schnell die Vorteile.

Und noch eine Auswirkung der langfristigen Strategie sehe ich vor Ort: Die Hauptstadt Tallinn hat eine sehr lebendige Start-Up-Szene. Mittlerweile hat sich eine eigene kleine Stadt in der Stadt entwickelt, mit kompletter Infrastruktur: ÖPNV-Anbindung, Ärzte, Supermarkt, Kita…und natürlich superschnelles Internet. Auch viele deutsche Firmen sind vor Ort und profitieren davon, dass viele junge Estinnen und Esten technische Berufe studieren und ihnen damit genügend Fachpersonal zur Verfügung steht.

Ein bisschen neidisch kann man schon sein, wenn man sich die Entwicklung Estlands anschaut. Aber ich bin auch zuversichtlich, dass auch in Deutschland mit dem richtigen politischen Willen viel mehr möglich ist.

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