#miteinanderleben: Unser Dorf soll Internet werden

Neue soziale Fragen | Zukunftslabore
Am schnellen Breitbandanschluss mangelt es an vielen Orten © RJ 45 Stecker, CC0 Creative Commons, Freie kommerzielle Nutzung Kein Bildnachweis nötig, Quelle: Pixabay

Ein sonniger Vormittag im August. Lokaltermin in Ollendorf, 15 Minuten östlich von Erfurt. Zwischen Kleinmölsen und Berlstedt. Beschaulich ist das erste, was einem durch den Kopf geht, und als nächstes: Ruhe. Lebenswert, unmittelbar vor den Toren der Landeshauptstadt. Wenn es sich denn nicht ein Problem mit vielen anderen Dörfern im Land teilen würde. Zumindest bis vor kurzem.

„Die Datenautobahn verläuft direkt an unserem Ort vorbei. Doch von der Telekom wurden wir immer wieder nur vertröstet“, erzählt mir der Bürgermeister Volker Reifarth bei der Begrüßung. Doch statt statt darüber zu klagen, hat die Gemeinde die Dinge einfach irgendwann selbst in die Hand genommen. Gemeinsam mit der Beigeordneten Sybille Marr und dem langjährigen Gemeinderatsmitglied Rüdiger Walther sprechen wir beim Frühstück darüber.

„Was macht einen Ort denn attraktiv? Das ist die Kita, eine gute Infrastruktur und schnelles Internet“, sagt der Bürgermeister. Die schnelle Anbindung für Büro und Gewerbe oder einfach nur TV und Filme übers Internet streamen, Musik, Mediatheken: für die Bewohner Ollendorfs alles ferne Zukunftsvisionen. Die Datenrate tröpfelte allenfalls durch die Leitung, doch die Telekom hielt die Gemeinde immer wieder hin. Ihr Angebot war teuer und unverbindlich. Also machten sich Reifarth, Marr und Walther im Frühjahr 2016 auf die Suche nach einer anderen Lösung, sammelten Informationen und Ideen. Schließlich stießen sie auf den Anbieter Encoline aus Gera, der sich auf Breitbandanschlüsse für den ländlichen Raum in Thüringen spezialisiert hat, und den Netzbetreiber Netkom aus Weimar.

Im Herbst 2016 informierte Encoline die Einwohnerversammlung über die Möglichkeiten für schnelles Internet in ihrer Gemeinde. „Der Saal war an diesem Abend brechend voll“, erinnert sich Sybille Marr. „Die Bürger stellten viele Fragen.“ Um das nötige Breitbandkabel nach Ollendorf zu ziehen, machte Encoline 35 Anschlussverträge zur Bedingung. Dafür warben nicht nur die Gemeinderäte, sondern auch der Schützenverein, der Sportverein sowie der Heimat- und Kirmesverein ihre Mitglieder. „Versüßt haben wir das Ganze mit einem Bonus von 20 Euro, den jeder Verein pro vermitteltem Anschluss erhielt“, erklärt Rüdiger Walther. Mit Erfolg. Von den 140 Haushalten im Dorf waren 88 interessiert und bereit, 100€ Zuwendung an Encoline zu zahlen. Damit war die Finanzierung gesichert.

Im Januar 2017 begannen die Vorarbeiten. Ein dem Dorf verbundenes Unternehmen übernahm die Grabungen zum Freundschaftspreis. Mitte Mai erhielten die ersten Haushalte schnelles Internet (25, 50 oder 100 Mbit/s sind möglich). Aufgrund der hohen Anzahl von Verträgen erklärte sich der Breitband-Anbieter bereit, die kompletten Erschließungskosten zu tragen. „Dadurch war das für die Gemeinde eine finanzielle Null-Nummer“, erzählt Gemeinderatsmitglied Rüdiger Walther. „Die Zuwendungen der Bürger konnten zurückgezahlt werden.“

Es ist eindrucksvoll, mit wieviel Engagement die Gemeinde nicht nur für schnelles Internet, sondern auch für den eigenen Ort gekämpft hat. Wie weit man mit Initiative kommen kann, zeigen die Ollendorfer. Aber was im Einzelnen funktioniert, kann keine Lösung für den ländlichen Raum in Deutschland an sich sein. Ein Breitbandanschluss gehört 2018 einfach dazu, müsste eigentlich Teil der Daseinsvorsorge sein. Aber der Netzausbau ist ein Trauerspiel, das Ziel von 50 Mbit/s für jeden Haushalt bis Ende 2018 wird krachend verfehlt. Da muss mehr Wumms dahinter, damit wir im europäischen und internationalen Vergleich nicht einfach nur aufholen, sondern uns bei zukunftsfähigen Glasfaseranschlüssen in der Spitzengruppe mitspielen. Wir Grüne haben dafür einen Plan.

Nach dem Frühstück spazieren wir noch kurz durch das Dorf. „Gibt es eigentlich auch einen Hotspot an der Bushaltestelle?“, frage ich nach. Nein, noch nicht, sagt Volker Reifarth, aber das sei eine Überlegung wert.

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