#miteinanderleben: Gründerkultur

Neue soziale Fragen | Zukunftslabore
Kerstin Andreae beim Gespräch zur Gründerkultur

Mein Wahlkreis Freiburg liegt in einer Region mit relativ wenig Rohstoffen und klassischer Industrie, dafür aber mit vielen kreativen Köpfen und einem starken Bewusstsein für ökologische Fragen. Um unseren Wohlstand zu wahren, müssen wir uns an die Spitze der technologischen Innovation setzen und neuen Ideen Raum geben – das trifft auch auf Deutschland als Ganzes zu. Wir sind darauf angewiesen, dass Menschen Lust und die Möglichkeiten haben, ihre Ideen in die Tat umzusetzen, auch indem sie ein eigenes Unternehmen gründen. Deswegen bin ich begeistert, dass sich in meiner Region zahlreiche Gründungswillige auf den Weg machen und in den letzten Jahren viele Start-Ups insbesondere auch im Bereich der Green Economy entstanden sind.

In der Sommerpause habe ich im Rahmen einer kleinen „Start-Up-Sommertour“ zwei Start-Up-Zentren in meinem Wahlkreis besucht, die Gründerinnen und Gründer fördern, vernetzen und Work Spaces anbieten, und dabei viele spannende Gespräche geführt. Zwei Beispiele: Im „BadenCampus“ in Breisach am Rhein entwickelt ein junges Unternehmen besonders effiziente Systeme zur Speicherung und Reduktion von CO2. Und im „Kreativpark Lokhalle“ in einem alten Güterbahnhof in Freiburg arbeitet ein neu gegründetes Start-Up daran, Mobilfunkverträge mit hohen ökologischen und gemeinwohlorientierten Standards anzubieten.

Neben der Freude an der kreativen Arbeit kamen in den Diskussionen aber auch immer wieder Sorgen zum Ausdruck über die erdrückende Bürokratie (schon bevor der erste Cent Gewinn gemacht ist, muss eine Umsatzsteuererklärung eingereicht werden), und vor allem über die eigene soziale Absicherung der Selbständigen: Was ist, wenn ich mit meiner Idee scheitere? Ist es ein Fehler, dieses Risiko einzugehen? Wie kann ich fürs Alter vorsorgen? Kann ich mir die hohen Beiträge zur Krankenversicherung leisten? Wo bekomme ich Hilfe bei einem Liquiditätsengpass? Diese Fragen beschäftigten die jungen Leute sehr. Der politische Handlungsdruck ist groß: Im Durchschnitt zahlen Selbstständige häufig fast ein Viertel ihres Einkommens an die Krankenversicherung, Selbständige mit niedrigen Einkommen müssen hierfür sogar fast die Hälfte ihres Einkommens aufwenden. Das ist eine starke Benachteiligung gegenüber abhängig Beschäftigten, bei denen der Beitrag strikt einkommensbezogen erhoben wird. Die Krankenversicherung ist nicht das einzige Beispiel. Ich finde: Die Beiträge zur Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung müssen für alle Bürgerinnen und Bürger, also auch für geringverdienende Selbständige, finanzierbar und daher flexibel gestaltet sein. Und das Rentensystem muss so reformiert werden, dass auch Gründerinnen und Gründer vor Altersarmut geschützt sind. Sonst wagt niemand mehr den Schritt in die Selbstständigkeit und immenses innovatives Potential geht in der Folge verloren.

Autor_in