Die „sozial-ökologische Transformation“ in der Automobilindustrie (1/3): Wie den Wandel sozial gestalten?

Rettung der natürlichen Lebensgrundlagen | Zukunftslabore
Was bedeutet die Transformation der Automobilindustrie für die Beschäftigten?

Die sozial-ökologische Transformation unserer Wirtschaft bedarf konkreter Antworten. Um eine breitere gesellschaftliche Akzeptanz für den ökologischen Umbau zu erlangen, wollen und müssen wir neben Fragen der Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft zwingend auch die Beschäftigungssituation, die Belange der Verbraucherinnen und Verbraucher sowie der Regionen der jeweiligen Branchen betrachten. Hierfür treffen wir uns in unterschiedlichen Konstellationen mit Sozial- und Umweltverbänden, der Wirtschaft, Verbraucherschutz, Gewerkschaften und Betriebsräten.

Begonnen haben wir unsere Veranstaltungsreihe „sozial-ökologische Transformation in der Automobilindustrie“ mit der Situation der Beschäftigten. Diese steht ganz besonders im öffentlichen Fokus, da uns Schreckensmeldungen über potentielle Jobverluste durch die Elektromobilität alle paar Wochen durch neue Studien erreichen. So machte der Fraktionsvorsitzende Dr. Anton Hofreiter zu Beginn der Veranstaltung deutlich, dass die Transformation der Automobilindustrie nicht nur aus klimapolitischer Sicht wichtig ist zu beantworten, sondern auch aus wirtschafts- bzw. beschäftigungspolitischer Sicht. So arbeiten in der Automobilproduktion und bei den Zulieferern rund 800.000 Beschäftigte. Deren gute Jobs gilt es möglichst zu bewahren.

Christian Hochfeld, Direktor der Agora Verkehrswende, nannte den Automobilsektor das Sorgenkind der Energiewende. So befinden sich die Emissionen im Verkehrsbereich auf demselben Niveau wie vor 25 Jahren. Doch nicht nur die Klimaschutzziele, sondern auch die Luftverschmutzung in den Städten und die Übernutzung des öffentlichen Raums setzen den motorisierten Individualverkehr unter Druck. Laut einer Studie der IG Metall werden bis 2030 90.000 Arbeitsplätze in der Produktion nicht mehr gebraucht, hiervon entfällt etwa die Hälfte auf den Wechsel des Antriebsstranges, also auf die Elektrifizierung, die andere Hälfte auf eine Produktivitätssteigerung. Nicht berechnet wurden die Arbeitsplatzeffekte bei Forschung und Entwicklung, in Werkstätten und im After-Sales-Bereich. Es gibt allerdings viele Faktoren, die die Effekte auf die Beschäftigung beeinflussen, so Hochfeld. Dies gilt etwa für den Anteil an Plug-In-Betrieben und dem nationalen und internationalen Marktanteil der deutschen Hersteller n der E-Mobilität. Je höher diese sind, so zeigen Studien, desto geringer die negativen Beschäftigungseffekte. Besonders herausfordernd für die Automobilindustrie ist die Gleichzeitigkeit der Entwicklungen mit Blick auf Elektrifizierung, das Teilen von Autos (Sharing/Pooling) und Automatisierung. Erste Schätzungen legten nahe, so Hochfeld, dass die Arbeitsplatzeffekte durch die Automatisierung deutlich größer sind als durch die Antriebswende. Zusätzliches Beschäftigungspotential besteht allerdings, wenn es Deutschland gelingt, die Batteriezellenproduktion stärker hierzulande anzusiedeln und die politischen Rahmenbedingungen zu schaffen, mehr Risiko-Kapital nach Deutschland zu lenken, um Deutschland und nicht nur die USA bzw. China für Start-Ups im Mobilitätsbereich attraktiv zu machen. Zudem könnten bei den Stromherstellern etwa durch den Aufbau der Ladeinfrastruktur viele neue Jobs entstehen. Gleiches gilt für den Aufbau neuer Mobilitätsdienstleistungen, die versuchen, Verkehr zu bündeln und den öffentlichen Raum besser nutzen.

Daniela Cavallo, stellvertretende Betriebsratsvorsitzende von VW, gab zu Beginn ihres Vortrages einen Überblick über die Beschäftigtenzahlen an den jeweiligen Standortes des Unternehmens. Der größte Standort in Wolfsburg mit 55.000 Beschäftigten arbeite zu 1/3 in der Produktion, zu 2/3 in der Verwaltung bzw. technischen Entwicklung. Die Beschäftigungseffekte durch die E-Mobilität werden vom Betriebsrat nicht angezweifelt, allerdings komme parallel dazu auch der Rationalisierungseffekt der digitalen Transformation hinzu. Über einen entsprechenden sozialverträglichen Abbau in den Verwaltungsbereichen verhandele VW derzeit bereits. Die Unternehmensseite halte eine Reduzierung von bis zu 7000 Arbeitsplätzen in den nächsten Jahren allein bei der Kernmarke VW in Deutschland für realistisch. Der Betriebsrat bezweifelt diese Größenordnung und fordere Einzelfallprüfungen, um Arbeitsverdichtung auszuschließen. Im Schwerpunkt ist die Verwaltung betroffen. Zwar werden Standortschließungen verhindert, der sozialverträgliche Wandel wird allerdings auch mit Kosten verbunden sein. So werden Altersteilzeitprogramme erhöht und mehr Geld für Qualifizierung in die Hand genommen. Ein 2016 beschlossener Zukunftspakt, zu dem auch ein Weiterbildungs- und Qualifizierungs-Etat in Höhe von 100 Mio. Euro gehöre, soll Beschäftigte dabei unterstützen, neue Qualifikationen zu erwerben. Besonders herausfordernd wird es dabei sein, die benötigten Fähigkeiten genau zu identifizieren, so Cavallo. Wichtig ist, hier auf Kompetenzen und nicht ausschließlich auf Formalqualifikationen zu achten. Der Betriebsrat setzt sich darüber hinaus dafür ein, neue Arbeitsplätze zu schaffen, etwa durch die Batteriezellenproduktion, und zwar dort in den Regionen, wo andere Arbeitsplätze wegfallen. VW setzt auf E-Mobilität und nun sei es nach Ansicht Cavallos gemeinsame Aufgabe über entsprechende Ladeinfrastruktur und Kaufeinreize, dafür zu sorgen, dass Kundinnen und Kunden dies auch täten.

Nach Ansicht von Frank Iwer von der IG Metall, gebe es heute bereits eine Überkapazität bei der Produktion von Fahrzeugen in Europa (ca. 23 Millionen, Marktvolumen ca. 15 Mio.). Das ist einer der Gründe, warum neue Fabriken eher außerhalb Europas entstehen. Die erwarteten Beschäftigungsverluste in Folge der Transformation sind bei Zulieferern etwa um 10 Prozent höher als bei den Automobilkonzernen, weil erstere deutlich stärker spezialisiert sind und auf Grund ihrer Unternehmensgröße entsprechendes „know how“ für zukunftsgerichtete Investitions- und Personalpolitik nicht in gleichem Maße vorhanden ist. Zwar gibt es immer wieder kleine und mittlere Unternehmen, die ihre Unternehmensstrategie ändern bzw. anpassen. In den allermeisten KMU ginge es nach Ansicht von Iwer nun aber darum, zusammen mit den Betriebsräten Zukunftspakte zu etablieren, um die Transformation erfolgreich gestalten zu können. Hierfür müsste die Rolle der Betriebsräte etwa über ein Mehr an Mitbestimmung und Unterstützung gestärkt werden. Sowohl Daniela Cavallo als auch Frank Iwer sprachen sich dafür aus, die Einflussmöglichkeiten von Betriebsräten bei strategischen Fragen zu stärken. Dies gilt insbesondere für Entscheidungen der Aufsichtsräte. Frank Iwer stellte heraus, dass Betriebsräte in strategischen Fragen Kompetenzzugewinne bräuchten, die etwa über eine entsprechende Infrastruktur, z.B. Technologieberatungsstellen, aufgebaut werden muss. Darüber hinaus fordert die IG Metall die Einrichtung sog. Transformationsbeiräte, die regionale Kooperationsstrukturen zwischen Unternehmen, regionalen Arbeitsagenturen, Hochschulen und weiteren Akteuren etablieren. Last but not least soll ein Transformations-Kurzarbeitergeld Unternehmen und Beschäftigte unterstützen, Qualifizierung und Kurzarbeit zu verbinden, um so Arbeitsplätze zu erhalten. Anders als bei den großen Umbrüchen 1993/1994 und 2009/2010, die dank Vorruhestand und Kurzarbeit ohne große soziale Verwerfungen einhergingen, ist die derzeitige Transformation planbarer, wenn und weil auf in den Betrieben vereinbarte Zukunftspakte zurückgegriffen werden kann. Entstehen neue Jobs im Bereich der Mobilitätsdienstleistungen, ist zwingend darauf zu achten, wie es um die Qualität dieser Jobs bestellt ist.

Matthias Schäffer von der Bundesagentur für Arbeit bestätigte, dass die Automobilindustrie vor einem großen Strukturwandel steht. Dies betrifft neben der Elektrifizierung auch den Bereich der Digitalisierung. Nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) könnten unter bestimmten Voraussetzungen bis zum Jahr 2035 114.000 Arbeitsplätze wegfallen. Nach Ansicht von Matthias Schäffer sollte die Digitalisierung aber auch als Chance angesehen werden, etwa wenn auf Grund von Fachkräfteengpässen und demografischem Wandel das Arbeitskräfteangebot sinkt. Das am 1.1.2019 in Kraft getretene Qualifizierungschancengesetz ist ein erster guter Schritt, Beschäftigte und Unternehmer im Strukturwandel durch passende Qualifizierungsangebote zu begleiten, so Schäffer. Das neue Instrument kann je nach Betriebsgröße bis zu 100% Lohnersatz zur Verfügung stellen. Man sollte nach Ansicht der BA mit diesem Gesetz erst einmal Erfahrungen sammeln und es wirken lassen, ehe man weitere Gesetzesvorhaben auf den Weg bringt. Darüber hinaus gibt für kleine und mittlere Unternehmen z.B. in Baden-Württemberg die Möglichkeit, sich in Qualifizierungsverbünden zusammenzuschließen, um etwaige Fortbildungsbedarfe zu identifizieren. Hierzu gehört etwa auch die Kooperation mit regionalen Fachhochschulen, die über entsprechende Ressourcen verfügen.

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