Die „sozial-ökologische Transformation“ in der Automobilindustrie (3/3): Was passiert in den betroffenen Regionen?

Rettung der natürlichen Lebensgrundlagen | Zukunftslabore

Um die Klimaziele zu erreichen, benötigen wir im Sinne einer echten sozial-ökologischen Transformation der Automobilbranche nicht nur klare Reduktionspfade, sondern auch Antworten für die Beschäftigten, die Verbraucherinnen und Verbraucher sowie für die Regionen. Nur so können wir die Akzeptanz für die dringend notwendige Verkehrswende herstellen.

Nach je einer Veranstaltung zu den Beschäftigten (https://zukunftslabore.gruene-bundestag.de/2019/06/die-sozial-oekologische-transformation-in-der-automobilindustrie-1-3-wie-den-wandel-sozial-gestalten/) und der Bezahlbarkeit von Elektromobilität (https://zukunftslabore.gruene-bundestag.de/2019/07/die-sozial-oekologische-transformation-in-der-automobilindustrie-2-3-bezahlbarkeit-und-nachhaltigkeit-am-beispiel-der-elektromobilitaet/) wollten wir uns diesmal um die Frage der Regionen kümmern. Wir müssen uns dringend der Bedeutung der Automobilstandorte für die einzelnen Regionen bewusst werden, so der Fraktionsvorsitzende Dr. Anton Hofreiter in seiner Einführung. Denn „Regionen“ sind letztlich die Orte, in denen die Menschen leben und arbeiten. Orte, die es gilt, attraktiv zu halten oder zu gestalten, an denen sich Lebensqualität entscheidet. Zwar geht es deutschen Regionen mit Automobilindustrie grundsätzlich gut. Die Menschen beziehen gute Einkommen, die Städte können sich erstklassige Kultur- und Freizeiteinrichtungen leisten. Wie abhängig Regionen von der Autoindustrie sein können, sehen wir häufig aber erst dann, wenn der Motor stottert. Vor diesem Hintergrund stellen wir uns die Frage, wie wir die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts erhalten bzw. steigern und welche Regionen vom Strukturwandel profitieren können.

Deutschlandweit gibt es etwas über 80 Regionen, die vom Strukturwandel in der Automobilindustrie betroffen sind. Dies beschrieb Dr. Wolfgang Schade, wissenschaftlicher Leiter von M-Five GmbH – Mobility, Futures, Innovation, Economics, der unter anderem Gutachten für die AG 1 „Klimaschutz im Verkehr“ der Nationalen Plattform Zukunft der Mobilität angefertigt hat. 30 dieser Regionen können als Hotspots bezeichnet werden, die mindestens 7.500 Beschäftigte aufweisen. Die Spanne ist hierbei allerdings recht groß mit je 60.000 Beschäftigten in Wolfsburg und der Region Stuttgart, je 50.000 in Ingolstadt und München, bis hin zu jeweils 20.000 Beschäftigte in Köln, Heilbronn oder Ludwigsburg. Diese Schwerpunktregionen grenzen häufig aneinander, so etwa Salzgitter, Wolfsburg und Hannover oder der Landkreis Böblingen und die Region Stuttgart. Der Strukturwandel macht sich an drei Faktoren fest, so Dr. Schade, die Elektrifizierung, automatisiertes/autonomes Fahren und neues Mobilitätsverhalten. Ersteres ist insbesondere für solche Unternehmen eine Herausforderung, die Komponenten für den herkömmlichen Antriebsstrang und den Verbrennungsmotor herstellen bzw. zuliefern. Hiervon gibt es deutschlandweit etwa 200.000 Beschäftigte, die sich entlang der genannten Regionen verteilen, etwa in Stuttgart rund 12.000, in Kassel 8.000, in München und am Bodenseekreis je 5.000, in Bamberg, Salzgitter oder Nürnberg je 4.000. Neue Standorte entstehen unter anderem in Aachen/Düren, in der Lausitz, Erfurt, Karstadt (Bayern) und in der Region Salzgitter, die sich im Bereich E-Mobilität und Batteriezellfertigung bzw. -entwicklung ansiedeln.

Nach Ansicht von Katja Witte, Co-Leiterin des Forschungsbereichs Strukturwandel und Innovation beim Wuppertal-Institut, können Regionen Leidtragende und zugleich auch Gestalter eines nachhaltigen Strukturwandels in der Automobilindustrie sein. Eine wesentliche Stärke der Region liegt vor allem darin, den Blick über den Tellerrand der Automobilbranche hinweg zu öffnen und alle Aspekte entlang bestehender Wertschöpfungsketten des regionalen Wirtschaftsraumes zu beleuchten und in strategische Überlegungen zu überführen bzw. mit einzubeziehen. Dies setzt voraus, dass wesentliche Akteure bestehende und/oder sich abzeichnende Strukturwandelprozesse als Chance begreifen und Visionen entwickeln und schärfen, mit denen solche Prozesse in Regionen aktiv angestoßen werden (z.B. durch den Aufbau von starken Netzwerken, auch branchenübergreifend und international). Erfolgreich ist ein nachhaltiger Strukturwandel dann, wenn ökonomische, sozio-kulturelle aber auch ökologische Dimensionen gleichermaßen adressiert werden. Aus den Erfahrungen mit der Energiewende können wir lernen, dass nachhaltiger Strukturwandel in eine gezielte und nachhaltige Regionalentwicklung eingebettet und die regionalen Akteure aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, Belegschaft und Gesellschaft vernetzt werden sollten.

Ralf Reinstädtler, 1. Bevollmächtigter und Geschäftsführer der IG Metall Homburg-Saarpfalz, strich die Bedeutung der Automobilindustrie für das Saarland heraus. So sind im Automotive-Cluster rund 45.000 Beschäftigte zu Hause, die fast die Hälfte aller Industriearbeitsplätze im Saarland ausmachen. Hinzu kommen ca. 16.000 Beschäftigte der Stahlindustrie, die teilweise von der Entwicklung in der Automobilindustrie abhängig sind. Neben einem großen Ford-Werk mit heute noch 7.000 Beschäftigten ist der Großteil der Unternehmen bzw. der Beschäftigen im Bereich der Zulieferindustrie aktiv – und hier insbesondere im Bereich der herkömmlichen Antriebstechnologien. Als besonders für den Standort könne festgehalten werden, dass es sich bei den allermeisten Firmen um verlängerte Werkbänke handelt, die zwar an der Verbesserung der Produkte und der Abläufe arbeiten, nicht aber an Forschung und Entwicklung zukünftiger Produkte beteiligt sind. Entscheidungen über Zukunftstechnologien und deren Ansiedlung würden daher in den jeweiligen Konzernzentralen außerhalb der Region getroffen. Mit der Umstellung auf Elektromobilität käme insofern eine ganz besondere Herausforderung auf das Saarland hinzu. Da es den Unternehmen vor Ort in erster Linie um kurzfristige Wirtschaftlichkeitsziele statt um den mittelfristigen Erhalt von Arbeitsplätzen ginge, sei die verpflichtende Beteiligung der Belegschaften über eine Stärkung der betrieblichen Mitbestimmung für den Erhalt von Wertschöpfung und die Bewältigung der Transformation in der Region zwingend erforderlich. Hierzu seien etwa ein Initiativrecht auf Weiterbildung sowie das Recht für Betriebsräte, nicht nur bei strategischen Unternehmensentscheidungen jederzeit externen Sachverstand einzubeziehen, vonnöten. Die Erfahrung zeigt, so Reinstädtler, dass die Beteiligung von Beschäftigen Veränderungsprozesse nachhaltiger und erfolgreich macht. Dies sei aber nicht nur in Krisenzeiten und bei der Bewältigung verfehlter Managemententscheidungen vonnöten, wenn konkreter Beschäftigungsabbau droht, sondern auch in wirtschaftlich besseren Zeiten die Chance für einen dauerhaft positiven unternehmerischen Entwicklungspfad.

Die Perspektive der Wirtschaftsregion Stuttgart erläuterte sodann Dr. Walter Rogg, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart. Ähnlich wie das Saarland ist die Region Stuttgart stark von der Automobilindustrie abhängig. Insgesamt 210.000 Beschäftigte sind im Fahrzeugbau tätig, was einen Anteil am gesamten Industrieumsatz in der Region von über 50% ausmacht. Wird auch der Maschinenbau berücksichtigt, steigt dieser Anteil auf zwei Drittel. Zwar bringt der Wandel in der Automobilindustrie auch viele Chancen und neun Jobs mit sich. Erst einmal gebe es nach Ansicht von Dr. Rogg aber die Notwendigkeit, die vielen Beschäftigten mitzunehmen und entsprechend zu qualifizieren. Einer Studie der Wirtschaftsförderung und der IG Metall hätte ergeben, dass in der Region Stuttgart 26.000 Beschäftigte ausschließlich vom Verbrenner leben. Je nach Szenario könnten 10 bis 50% ihre Arbeitsplätze durch die Elektrifizierung verlieren. Um das zu verhindern, müssten insbesondere die Personalleiter im Mittelstand dazu gebracht werden, zukunftsweisende Entwicklungskonzepte aufzustellen. Weiterhin sollten mittelständische Unternehmen einen Anreiz erhalten, sich „neu zu erfinden“ und ihr Produktportfolio entsprechend an die neuen Anforderungen anzupassen. Mit Blick auf die Schaffung neuer Jobs etwa durch die Ansiedelung von Batteriezellenfertigung würden neue Flächen gebraucht, die heute noch nicht vorhanden sind. Hier müsse es eine entsprechende Flächenstrategie geben. Gleichzeitig sprach sich Dr. Rogg dafür aus, zu prüfen, inwiefern die regionale Wirtschaftsförderung als Gemeinschaftsaufgabe auf von Strukturwandel betroffenen Regionen wie das Saarland oder die Region Stuttgart ausgeweitet werden könne.

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